Meister Lampe – Der Hase in Fabeln und Märchen

von Janin Pisarek

Wusstest du, warum der Hase hoppelt oder so lange Ohren hat? Ja, unsere Fabeln und Märchen wissen gar viel über dieses beliebte Haus- und Hoftier zu berichten. Dabei erzählen diese Geschichten vom rasanten Feldhasen, vom scheuen Wild- und auch vom kuschligen Hauskaninchen. In diesen Erzählungen gilt der Hase als wahrer Schnellfuß! Und – kannst Du es glauben? –:  Mit seinen behaarten Pfoten soll er schneller bergauf als bergab laufen können! Zwar gilt das gut hörende Langohr häufig als ängstlich und furchtsam, doch schon Jean de Lafontaine, ein französischer Fabeldichter, schrieb: »Kein Feigling, der nicht einen fände, Der nicht noch feiger ist!« Zudem ist der Hase auch noch ein echter Lebenskünstler …

Herbsttiere im  Wald, ©  t0ngo

Europäische Hasenerzählungen entstammen besonders der Frühen Neuzeit. Sie berichten von alltäglichen Begegnungen, manchmal von seinen schon menschlichen Eigenschaften – wenn er etwa in einer norddeutschen Sage beim Weben beobachtet wird. Die bekannte Bezeichnung »Meister Lampe« kommt aus der altdeutschen Sprache und fand Einzug in Märchen und Fabeln. Seit dem Mittelalter trägt der Hase den Namen Lamprecht. Die Verkürzung zu »Lampe« kommt vermutlich daher, dass sich bei rennenden Feldhasen das hellere Unterfell am Hinterteil sichtbar zeigt. Es erweckt somit den Eindruck des Aufleuchtens einer Lampe. Als »Lampe« bezeichnen deshalb auch Jäger den weißen Fleck an der Unterseite.

Märchen und Fabeln erläutern uns auf lustige Weise die Herkunft einiger Besonderheiten.

Wusstest Du beispielsweise, warum der Hase eine gespaltene Lippe hat? Das finnische Märchen Der Fuchs und der Hase erzählt uns, wie der Hase den Fuchs in einer Wette schlägt. Es gelingt ihm nämlich, eine Schafherde so zu erschrecken, dass er nun auch als »gefürchtet« gilt. Darüber muss der Hase so sehr lachen, dass ihm der Mund ein Stück weit aufreißt. Seitdem tragen alle Hasen diese süße, kreuzweise gespaltene Lippe. Ein afrikanisches Märchen wiederum erklärt uns, dies sei ein Zeichen des Streits, den der Hase einst mit dem Mond gehabt haben soll.

Und wusstest du, warum der Hase und der Hahn zusammenwohnen? Die russische Erzählung Der Hase und der Fuchs berichtet uns davon, wie der Fuchs einst den Hasen aus seinem Haus vertrieben habe. Der Hahn habe Mitleid mit dem weinenden Hasen gehabt und den Fuchs mutig verjagt. Seitdem teilen sich Hase und Hahn glücklich das Haus.

Hase, © WFranz

Wusstest du, warum der Hase so einen kurzen Schwanz trägt? Dazu erzählt uns ein afrikanisches Märchen, dass es am Tag der Verteilung der Schwänze unter den Tieren so sehr geregnet hat, dass der Hase Angst hatte, seinen Bau zu verlassen. Die anderen Tiere versprachen, ein Schwänzlein mitzubringen. Doch vor lauter Aufregung vergaßen sie ihr Versprechen. Und deshalb wedeln die Hunde heute mit dem Schwanz, während der Hase sich mit seiner kleinen »Blume« zufrieden geben muss.

©  GDJ

In vielen Erzählungen gilt er als »Angsthase«, der eigentlich alle vierfüßigen Tiere sowie Vögel, besonders schwarze Raben und große Adler fürchtet. Auch sagten ihm die Menschen seit jeher hohe Fruchtbarkeit nach. Deshalb glaubten Teile der Bevölkerung früher sogar, der Verzehr von Hasenfleisch könne auch menschliche Liebesangelegenheiten befördern oder, glauben wir antiken Überlieferungen, neun Tage Schönheit verleihen.

In anderen Geschichten finden wir ihn häufig als Briefträger oder Geldüberbringer. In manchen wird er als Teil von Lügengeschichten größer als ein Löwe beschrieben. Bei Erzählungen über den »Wettlauf der Tiere« wird er trotz seiner Schnelligkeit von der langsameren Schildkröte oder Schnecke besiegt, weil er verschläft. So heißt es bei Jean de Lafontaine: »Es nützt uns nicht der schnellste Lauf, Bricht man zur rechten Zeit nicht auf.« In Tiermärchen erscheint der Hase durchaus listig und bewährt sich somit gegen den viel stärkeren Wolf und den noch mächtigeren Löwen.

Hilfreich für den Menschen erweist sich der Hase wiederum in Zaubermärchen, wo er dem Helden als Reittier dient, ihn berät oder sich mit einer besonderen Wundergabe, wie dem Kraut der Unsterblichkeit, bedankt. Manchmal ranken sich lustig-heitere Geschichten um das beliebte Tier, manchmal auch magisch sonderbare, wie eine Erzählung aus dem fernen Japan, die erklärt, warum dort ein Hase im Mond zu sehen ist …

 

Wovon handelt denn deine Lieblings-Hasengeschichte oder hast du gar eine ganz besondere mit deinem eigenen Hasen erlebt?