Die fantastischen Tiere des Mittelalters

von Miriam Strieder

Niffler, Demiguise und Hippogreif kennt ihr sicher von Harry Potter und den fantastischen Tierwesen, aber auch schon früher haben sich die Menschen Gedanken um die Tiere um sie herum gemacht und haben sich dabei so manche fantastische Tierwesen vorgestellt. Bereit für eine kleine Zeitreise? Dann schleichen wir uns mal an den mittelalterlichen Löwen oder den räuberischen Igel an – und wenn wir viel Glück haben, dann bekommen wir auch ein Einhorn zu Gesicht.

Früher haben die Menschen ein viel engeres Verhältnis zur Natur gehabt – denn man hatte keine Glasscheiben in den Fenstern, sodass Wind und Wetter, aber auch Vogelgesang und Blumenduft einfach Teil des Alltags waren. Vor tausend Jahren, also im frühen Mittelalter, hatten die meisten Menschen Tiere: Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine und Hunde, und wer keine Tiere hatte, war meist bitterarm. Natürlich gab es auch die anderen Tiere, die man gar nicht so gerne gesehen hat: Mäuse, die das Brot annagen, Ratten, die sich durch die Wände aus Stroh knabbern, Läuse und Flöhe, die echte Plagegeister sind, und Spatzen, die die Ernte vertilgen. Diese Tiere (nicht alle hoffentlich) kennt ihr natürlich auch, weil ihr ihnen schon begegnet seid. Für die »fantastischen« Tiere müssen wir aber ein bisschen weiterschleichen …

Ein Löwe, unbekannter Künstler um 1510-1520; CC1.0 Getty Museum

Auch im Mittelalter hatten die Menschen schon von einigen Tieren in Afrika gehört – vielleicht weil sie in der Bibel erwähnt wurden oder weil man einmal ein lebendiges Exemplar zu Gesicht bekommen hatte. Gerade Löwen sind ab und zu mal nach Europa gekommen als Geschenk für einen König – schließlich ist der König der Tiere ein ziemlich beeindruckendes Geschöpf, und über so etwas freuten sich damals die Könige. Trotzdem wusste man recht wenig über den Löwen, und so kursierten die fantastischen Geschichten, die man immer wieder aufgeschrieben hat und zwar zum ersten Mal schon vor über 1500 Jahren. Weil diese Geschichten so gut waren, hat man sie immer wieder gelesen und neu aufgeschrieben. Das Buch heißt Physiologus – das ist Griechisch und bedeutet ungefähr Die Logik in der Natur. Es erklärt das Verhalten von Tieren und zwar auf eine Art, die Menschen zu dieser Zeit verstehen konnten. Bis vor etwa 300 Jahren war die Religion das Wichtigste im Leben eines Menschen; hier in Europa glaubten die meisten Menschen an Gott, den heiligen Geist und Jesus Christus. Und so machten sich die Menschen auch Gedanken, warum Gott die Tiere so gemacht hat, wie sie sind.

Der Löwe zum Beispiel hat Angst, dass der Teufel ihm folgen könnte anhand seiner riesigen Tatzenabdrücke, und deshalb verwischt er seine Spuren mit dem großen Schwanz. Wer von euch eine Katze hat, weiß, dass alle Katzen mit dem Schwanz wedeln, wenn sie aufgeregt sind – mit Spuren verwischen hat das also nichts zu tun. Der Igel hat Stacheln – das wisst ihr und die Menschen im Mittelalter wussten es natürlich auch. Mit seinen Stacheln klettert der Igel also auf Weinreben, hüpft auf und ab und holt sich so die süßen Trauben, die zu Boden fallen. Auf dem Boden spießt er die auf seine Stacheln und räubert so die Weinberge leer. Das Mittelalter glaubte, dass das das Werk des Teufels sei – der arme Igel! Aber weil er so harte Stacheln hat, muss er eben für den Teufel herhalten.

Jetzt schleichen wir uns aus dem Weinberg in den Wald, denn da soll das Einhorn leben. Aber Achtung: Das Einhorn ist kein Kuscheltier, sondern ein richtig wildes Tier! Nur wenn ein Mädchen kommt, dann wird es ganz zahm … Seht ihr das große, lange Horn auf seinem Kopf? Wir wissen heute, dass es leider gar keine Einhörner gegeben hat, aber im Mittelalter glaubt man fest daran, dass Einhörner irgendwo auf der Welt leben, denn man hat ja ihre Hörner. Die findet man an Königs- und Fürstenhöfen, wo sie eingesetzt werden, um Essen und Getränke auf Gift zu testen. Heute wissen wir, dass das in Wahrheit Narwalzähne waren – Narwale leben im hohen Norden, und daher kannte man die Tiere in Europa nicht. Die Nordmänner haben sich einen Spaß daraus gemacht, die langen Zähne als Einhorn-Hörner für viel Geld nach Europa zu verkaufen.

Hier ist unsere kleine Zeitreise zu Ende – erzählt doch mal, was euer Lieblingstier ist und warum und welche tollen Eigenschaften es hat!